Bambus-Geschirr statt Einwegwahn?

Alternativen für den Coffee-to-go

Wer wünscht sich das nicht: Es soll bequem sein, schnell gehen und mich am besten gleichzeitig noch mit einem guten Gewissen belohnen. Rund drei Milliarden Einwegbecher landen jedes Jahr im Müll. Da ist es doch wunderbar, dass es nun immer mehr Mehrwegbecher aus Bambus gibt. Oder nicht?

Die Coffee-to-go-Becher, die im Internet und im Einzelhandel inzwischen tausendfach zu finden sind, sind wirklich hübsch. Bunt oder in Pastelltönen, mit süßen Katzen, lustigen Sprüchen oder dem eigenen Firmenlogo. Perfekt für den Kaffee zwischendurch und unterwegs.

Leicht, robust & spülmaschinenfest

Auch das Geschirr, das mit Bambus wirbt, sieht toll aus. Teller, Tassen und Schalen laden mit wunderbaren Farben, für Kinder gern auch bunt bedruckt, zum Kauf ein. Im Unterschied zu kaltem Plastik fühlt es sich sogar richtig gut an. Leicht, ziemlich robust und spülmaschinenfest ist es auch noch. Großartig. Und aus Bambus. Mehr Natur geht ja fast nicht. Perfekt für Grillparty, Campingurlaub und kleine Kinder.

Vor einigen Monaten hat das CVUA Stuttgart (Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt) die Party verdorben. Von 35 untersuchten Proben wurden 35 als nicht verkehrsfähig eingestuft. Entscheidend für das vernichtende Urteil war vor allem die Irreführung der Verbraucher*innen. Kaffeebecher und Geschirr wurden durch die Bank mit dem als besonders nachhaltig bekannten Bambus beworben.

Verschleiert oder sogar verschwiegen wurde, dass es sich um Mischprodukte handelt, die einen großen Anteil Kunststoff enthalten. Wer sich ein wenig mit Bambus beschäftigt, weiß: Geschirr aus reinem Bambus hat andere Eigenschaften und ist nicht spülmaschinenfest.

Melamin & Formaldehyd

In der Regel sind die als Bambus-Geschirr angepriesenen Produkte aus Bambusfasern, Maisstärke und Melaminharz hergestellt. Das Kunstharz besteht aus Melamin und Formaldehyd. Ohne diesen Kunststoffzusatz wäre es gar nicht möglich, Bambusfasern und Maisstärke zu einem wasserdichten und spülmaschinengeeigneten Produkt zu verbinden.

Melamin, wie das Kunstharz umgangssprachlich kurz genannt wird, ist an sich – wenn die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden – gesundheitlich unbedenklich. Kindergeschirr zum Beispiel besteht sehr oft aus Melamin, weil es lebensmittelecht, pflegeleicht und relativ bruchfest ist.



Käufer*innen mit „Bambus statt Plastik“ anzulocken, ist natürlich eine Irreführung, wenn das Material zu einem großen Teil aus Melamin besteht. Durch die Studie des CVUA hat sich hier einiges verbessert und inzwischen steht bei vielen Produkten dabei, dass es sich um einen Mix aus Bambus, Mais und Melaminharz handelt. Hier hört die Transparenz bei vielen Anbietern allerdings schon wieder auf.

Fehlende Transparenz

Die prozentuale Zusammensetzung wird in der Regel nicht verraten und wurde auch auf Nachfrage von bamboosphere nicht genannt. Wir haben nur einen Verkäufer gefunden, der auf seiner Internetseite die genaue Zusammensetzung (45 Prozent Bambusfasern, 25 Prozent Maisstärke, 25 Prozent Melamin) veröffentlicht. Zwei Anbieter antworteten schriftlich, dass ihre Produkte zu 45 bzw. 50 Prozent aus Bambusfasern und zu 20 bzw. 30 Prozent Melamin zusammengesetzt seien. Auf ihren Internetseiten fehlen diese genauen Angaben allerdings.

Elf der 35 vom CVUA untersuchten Produkte gaben beim Gebrauch Melamin und/oder Formaldehyd an die enthaltenen Lebensmittel ab und überschritten die gesetzlich erlaubten Höchstmengen teilweise deutlich. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung können sowohl Melamin als auch Formaldehyd in solchen Fällen gesundheitlich bedenklich sein.

Keine Kennzeichnungspflicht

Grundsätzlich sollte bei allen melaminhaltigen Behältnissen auf zwei Punkte geachtet werden, damit sich das Kunstharz nicht löst und ins Getränk oder Essen wandert: Keine säurehaltigen Lebensmittel einfüllen und nicht bei Temperaturen über siebzig Grad verwenden, also nicht in die Mikrowelle stellen.

Eine gesetzliche Pflicht für Hersteller und Verkäufer, Melamin in Produkten, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, zu kennzeichnen, gibt es derzeit nicht. Die Verbraucherzentralen fordern eine solche Pflicht, damit sich Verbraucher*innen bewusst dafür oder dagegen entscheiden können. Laut einer EU-Verordnung muss bei melaminhaltigem Geschirr allerdings darauf hingewiesen werden, dass es nicht bei Temperaturen über siebzig Grad und nicht in der Mikrowelle verwendet werden darf.

Wer seinen Kunststoffverbrauch reduzieren möchte, sollte also genau hinschauen, woraus ein Produkt besteht. Ein Mehrwegbecher, der ein Drittel Melamin und zwei Drittel Bambus und Mais enthält, ist schon mal besser als ein reiner Plastikbecher oder tausend Einwegbecher. Hersteller und Anbieter, denen es um Qualität und Nachhaltigkeit geht und für die Bambus mehr ist als ein Marketingtrick, haben schließlich selbst ein Interesse daran, sich von den anderen zu unterscheiden.


Bambusschüssel ohne Melamin
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