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Walter Liese, der Bambus-Pionier

Vor einigen Tagen landete eine E-Mail in meinem Postfach. Die allererste Anmeldung zum Newsletter von bamboosphere. „Danke. Walter Liese“ stand dort. Wer jemals mit Bambus zu tun hatte, kennt diesen Namen. Walter Liese wird in den Medien oft als „Bambus-Guru“, „Bambus-Papst“, „Grandfather of Bamboo“ oder schlicht „Mr. Bamboo“ bezeichnet. Er wird im Januar 93 Jahre alt und ist in der Wissenschaftswelt nach wie vor ein begehrter Gesprächspartner.

Dieser Walter Liese ist also der erste Abonnent meines Newsletters. Ich wuchs bambusgleich innerhalb kürzester Zeit um mehrere Zentimeter, musste nicht lange überlegen und schrieb ihm eine E-Mail. Wenige Minuten später klingelte das Telefon. Das war mein erstes Gespräch mit der Koryphäe Bambuswelt. Weitere folgten und so konnte dieser Artikel entstehen, der auch eine bislang unbekannte Verbindung zwischen Bambus und dem Ruhrgebiet enthüllt.

1946 begann Walter Liese das Forst-Studium in Freiburg und machte sein Diplom als Forstbiologe an der Universität Göttingen. 1951 wurde er Assistent an der Forstlichen Versuchsanstalt in Lintorf, das heute zu Ratingen gehört. Es war die Hochphase des Ruhrbergbaus mit 480.000 Beschäftigten und etwa 115 Millionen Tonnen Steinkohle, die im Jahr gefördert wurden. Es gab jedoch ein Problem: Es fehlte Grubenholz, das in großen Mengen erforderlich war, um die Kohleflöze auszubauen und weiter voranzutreiben. Durch die Reparationen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Holz aus deutschen Wäldern nach England und Frankreich exportiert.

Bambus im Bergbau

Der Leiter der Forstlichen Versuchsanstalt hatte sowohl zu den Konzernchefs im Ruhrgebiet als auch nach Indonesien Kontakte. So kam es, dass Walter Liese daran beteiligt war, Bambus von Indonesien nach Deutschland zu importieren, um Ersatz für die Grubenholzstempel zu finden. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass sich Bambus für den Bergbau nicht eignet, da die Halme durch den hohen Druck in Längsrichtung zwischen den Knoten platzen. Auch das typische Holzknistern fehlte, das die Bergleute rechtzeitig vor einem Einsturz warnen konnte, wenn ein Stempel nachgab.

Walter Liese mit Guadua, der wichtigsten Bambusgattung in Mittel- und Südamerika (Foto: privat)

„Im Bergbau konnte man Bambus nicht einsetzen, aber ich entdeckte dadurch mein Lebensglück“, erzählt Walter Liese. In gewisser Weise befindet sich ein Ursprung der Bambusforschung also tatsächlich unter Tage mitten im Ruhrgebiet. Die Neugier des jungen Forstwissenschaftlers führte nämlich dazu, dass er nicht nur Holz mit dem Elektronenmikroskop untersuchte, sondern sich als erster Forscher weltweit auch die Zellstrukturen von Bambus genauer ansah.

1956 kam ein indischer Wissenschaftler zu Besuch, um sich über Holzschutz und Bambus auszutauschen. Walter Liese war inzwischen Assistent am Forstbotantischen Institut der Universität Freiburg. Er kramte die Bambus-Aufnahmen des Elektronenmikroskops hervor, die helfen könnten, die Probleme bei der Imprägnierung von Bambus zu lösen. Damit war der Grundstein gelegt. Die Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) lud ihn als Experten nach Indien ein. „Mit 31 Jahren war ich ein Greenhorn für die Inder, zumal ich ihren lebenswichtigen Bambus noch nie gesehen hatte und entsprechende Literatur nicht verfügbar war“, berichtet Walter Liese.

Reisen in die ganze Welt

Das war der Beginn seiner Tätigkeit als Bambus-Experte und internationaler Berater. Viele Reisen in fast alle Länder der Welt von China über Thailand und Ghana bis nach Kolumbien und Costa Rica folgten. Etwa zur selben Zeit habilitierte er sich in Freiburg für Forstbotanik und Holzbiologie. Nach drei Jahren am Forstbotanischen Institut der Universität München übernahm er 1963 den Lehrstuhl für Holzbiologie an der Universität Hamburg und wurde zugleich Direktor des Instituts für Holzbiologie und Holzschutz der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft in Reinbek, das 2008 ins Thünen-Institut eingegliedert wurde. Das umfangreiche Aufgabenpensum bewältigte er über all die Jahre mit viel Freude an der Arbeit und einer gehörigen Portion Fleiß.

Die Emeritierung im Jahr 1991 schuf Platz, um sich noch intensiver mit seinem Lebensthema Bambus zu beschäftigen. Bis heute hat er ein Büro im Thünen-Institut, das er regelmäßig nutzt. Allein rund fünfhundert wissenschaftliche Publikationen, davon mehr als 150 als emeritierter Professor, gehen auf sein Konto sowie unzählige weitere Fachbeiträge und Vorträge. Walter Liese hat maßgeblich zur Gründung von INBAR (International Network for Bamboo and Rattan) im Jahr 1997 beigetragen. Die Bambuswelt hat ihrer Dankbarkeit für die Lebensleistung des umtriebigen Professors mit mehreren Ehrendoktorwürden und Ehrenmitgliedschaften Ausdruck verliehen. In Ghana ist eine Schule nach ihm benannt.

Weiterhin weltweiter Austausch

Nach einem schweren Sturz vor drei Jahren reist er inzwischen nicht mehr in der Welt herum, was ihn jedoch nicht von der Teilnahme an internationalen Kongressen per Video und am Austausch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit abhält. Er lebt nach wie vor in Reinbek bei Hamburg und musste kürzlich einen Elektrozaun installieren, da Wildschweine in seinem Garten ganze Arbeit geleistet und den gesamten Rasen verwüstet hatten. Den sechs Bambussorten in seinem Garten konnten die Tiere jedoch nichts anhaben.

Foto: privat

Walter Liese war gern zum Gespräch bereit, konnte jedoch nicht so recht erkennen, welchen Anlass es für einen solchen Artikel geben könnte. „Ich werde doch nicht 100, noch nicht einmal 95. Warum wollen Sie über mich berichten?“, wollte er wissen. Die Antwort ist denkbar einfach: bamboosphere will sich in den kommenden Jahren zu einer Informationsplattform rund um Bambus entwickeln – vom Anbau über Forschung und Verarbeitung bis hin zu Akteuren, Projekten und Produkten. Ein gleichermaßen informatives wie unterhaltsames Lexikon gehört natürlich auch dazu. Es ist bamboosphere eine große Freude, den Anfang mit L zu machen. Für einen Artikel über Walter Liese und seine Verdienste für die Bambusforschung müssen wir nicht auf ein Jubiläum warten.

Titelfoto: Denise Ariaane Funke

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